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Zeitreise Altschul

Die Wirksamkeit der kleinen Arzneigaben

Ein Zeitreisen-Interview

      Ein fiktives Homöopathie-Interview
      mit Prof. Elias Altschul († 16.August 1865 in Prag)
      und Gaby Rottler  (geb. 1956 in München)

Gaby Rottler: Sehr geehrter Herr Professor Altschul, ich freue mich, gerade Sie zu einem Thema befragen zu können, das auch heute noch die Gemüter heftig bewegt: Die Homöopathie. Obgleich von vielen Schulmedizinern als Scharlatanerie abgetan, werden homöopathische Arzneimttel von einem großen Teil der Bevölkerung gerne angewendet. Dennoch: Auch heute noch, exakt 150 Jahre nach der Veröffentlichung Ihres Lehrbuches im Jahre 1858, ist die Homöopathie ein Streitthema. Sie selbst hatten eine ganze Reihe von Jahren einen Lehrstuhl für Homöopathie in Prag inne, wo Sie Vorlesungen über die theoretische und praktische Homöopathie hielten: ein von Hahnemann ab 1796 aufgedecktes Prinzip, dass ’Ähnliches durch Ähnliches behandelt werden soll’. Kommen wir zunächst zur wichtigsten Frage, der Wirksamkeit! Gibt es eindeutige Belege? Sie erwähnten einen Dr. Kaan, der Cholera- und Typhuskranke in St. Petersburg, zeitweise auch Leningrad genannt, behandelte.

    Prof. Altschul: Dr. Kaan gesteht ganz unverhohlen, daß er früher die Homöopathie für eine bloße Negation jeder Arzneihülfe, oder als bloße Wirkung der Naturheilkraft sich erklärte.
    Als er aber durch  die Verhältnisse mit vielen praktischen Homöopathen Petersburgs am Krankenbette in Berührung kam,  da lernte er sie als denkende und tüchtige Aerzte achten und schätzen, ja er überzeugte sich mehrere Male, daß sie Heilresultate erreichten, wo seine und seiner allöopathischen Kollegen Bemühungen erfolglos waren.
    Im Spitale für Typhuskranke, wo ich diente, sagt er, wurde die Hälfte der Kranken homöopathisch, die andere Hälfte allöopathisch behandelt; ich selbst war auf der allöopathischen Abtheilung und ich hatte Gelegenheit, gefahrdrohende Symptome verschwinden zu sehen und  mich von der günstigen Einwirkung der gereichten Gaben zu überzeugen. Während der Epidemie schon gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß meine homöopathischen Collegen weit glücklicher in und außer den Spitälern waren, als ich und alle meine allöopathischen Collegen. Auch Dr. Pruner-Bey, sonst kein Verehrer der Homöopathie, gesteht, daß unter den Petersburger Spitälern das homöopathische die besten Resultate aufzuweisen hat. Einen schlagenden Beweis für die Vorzüglichkeit der homöopathischen Heilmethode lieferte der Tischnowitzer Bezirk, wo nach obrigkeitlichem Bericht sich herausstellt, daß in der Choleraepidemie bei der gewöhnlichen Methode von 44 Kranken 19 geheilt und 25 gestorben; bei der homöopathischen Methode von 56 Kranken 53 geheilt, 3 gestorben; bei der Kampherbehandlung ohne Arzt von 65 Kranken 54 geheilt und 11 gestorben sind.

GR: Nun haben wir heutzutage glücklicherweise weit mehr Möglichkeiten in der Behandlung bei Cholera- und Typhusepidemien als vor 1850, dennoch finde ich diese Zahlen recht aufschlußreich. Die Überlebenschancen waren demnach mit der homöopathischen Methode am größten, die herkömmliche Methode, die vor allem auf den Aderlass setzte, war für den Patienten am schädlichsten. Auch wenn es sich hier nicht um eine wissenschaftliche Studie handelt, die auch vollständig unbehandelte Patienten zum Vergleich mitaufnimmt, ist das Urteil des objektiven Arztes doch recht eindeutig.
Gibt es eigentlich Hinweise auf homöopathische Behandlungen oder Prinzipien vor dem 18. Jahrhundert?

    A: Es ist gewiß für den Geschichtskenner und Alterthumsforscher nicht uninteressant zu bemerken, daß wir dieses große Naturgesetz auch in den göttlichen Anordnungen der heiligen Schrift deutlich antreffen. So finden wir eine symbolische formelle Andeutung des Heilprincips im 4. Buch Mos. Cap.21, wo das Volk von den Plagen der Saraf-Schlange durch den Anblick der von Moses gemachten kupfernen Saraf-Schlange geheilt wurde.

GR: Bereits in der Bibel? Nun, das war mir tatsächlich neu. Aber Sie haben recht. In einer modernen Version heißt es im Kapitel 21:

"…Da sandte JHWH feurige Schlangen unter das Volk; und es starb viel Volks aus Israel……(Feurige Schlangen = Saraph-Schlangen)… Und JHWH sprach zu Mose: Mache dir eine feurige Schlange und tue sie auf eine Stange; und es wird geschehen, jeder, der gebissen ist und sie ansieht, der wird am Leben bleiben. Und Mose machte eine Schlange von Erz und tat sie auf die Stange; und es geschah, wenn eine Schlange jemand gebissen hatte, und er schaute auf zu der ehernen Schlange, so blieb er am Leben."

GR: Interessant. Also schon damals wurde das Ähnlichkeitsprinzip zur Behandlung erwähnt. Haben Sie noch mehr Beispiele dieser Art?

    A: Noch schlagender und kräftiger finden wir die Anciennität des homöopathischen Princips aus einer 1600 Jahre alten orientalischen Schrift nachgewiesen. In den mit der Bibelexegese sich beschäftigenden Büchern, Mechilta und Tanchuma, finden wir über die Bibelstelle: “Da kamen sie gen Mara und konnten das Wasser nicht trinken, denn es war bitter und der Herr wies Moses einen Baum, den that er ins Wasser, da ward es süß“ (2. B. Mos. Cap.15, V.23, 25.) folgende bedeutungsreiche Erklärung: „Wohl dürfte Moses das gewöhnliche Verfahren eingeschlagen haben, das Bittere des Wassers durch das Entgegengesetzte, nämlich durch süße Substanzen verscheuchen zu wollen; allein der Herr belehrte ihn eines Bessern, er zeigte ihm ein Bitterholz und lehrte ihn, daß der wahre naturgemäße Weg der Heilung jener sei, das Bittere durch das Bittere zu heilen (Elohim merappé mar beetoch mar). So heilt ferner der Herr die Wunden durch jene Mittel, welche Wunden erzeugen.“

GR: Mal sehen, ob ich diesen Hinweis auch heute im Jahre 2009 noch nachvollziehen kann. Es hat mich einige Recherchen gekostet, bis ich vergleichbare Zitate fand, die Ihre Sicht tatsächlich unterstützen:

Midrashim wie Mechilta und Tanchuma behaupten in 15:25, daß der Ast, der Moses gezeigt worden war, von einem Baum kam, der selbst bitter war, und, als er in bitteres Wasser geworfen wurde, das Wasser dennoch gegen die Eingebung süß wurde. Impliziert wird, daß gelegentlich, sogar wenn etwas das HaShem zugeschrieben wird, zu Beginn bitter erscheint, und es scheint, daß zusätzliche Bitterkeit die Situation verstärkt, so dass am Ende sich die Dinge in süß und genießbar verwandeln.

(Im Original:
Midrashim such as Mechilta and Tanchuma on 15:25 claim that the branch that was shown Moshe came from a tree that itself was bitter, and yet when thrown into bitter water, the water counterintuitively became sweet. Implied is that at least on occasion, even when something attributed to HaShem appears bitter at the outset, and it seems that additional bitterness is intensifying the situation, ultimately things may turn out sweet and palatable.
(
http://www.kmsynagogue.org/BeShalach1.html)

Nun, diese religösen Hinweise sind historisch recht aufschlußreich, aber findet sich auch in der medizinischen Literatur Entsprechendes?

    A: Hippokrates, der Vater der Heilkunde, sagt in seinem Buch de morbo sacro, Tom. III pag. 310 unverhohlen: “Krankheiten werden meist von dem geheilt, was sie erzeugt“, ein Satz , der in dem Buche ¥¥¥¥ ¥¥¥¥¥ (de locis in homine, Tom. IV. pag. 421) ausführlich erörtert wird, indem er sagt: „Durch Aehnliches werden Krankheiten erzeugt und geheilt. Was Harnzwang, Husten, Durchfall und Erbrechen bewirkt, das vermag diese Uebel auch zu heilen.“

GR: Vielen Dank, Prof. Altschul, für diese ersten Bemerkungen.

*.*.*.*.*

Alle kursiv gedruckten Zitate stammen aus:

Altschul, Elias /Rottler, Gaby (Hrsg.)
Systematisches Lehrbuch der theoretischen und praktischen Homöopathie von 1858

 

Copyright Gaby Rottler, 2014

Last update:  July,  2014